ÜBER DEMENZ-WGS

So selbstbestimmt wie möglich leben. In einer überschaubaren Gemeinschaft.

  • Was sind die Eckpunkte des Wohngemeinschaftskonzepts?
  • Wie groß darf eine Wohngemeinschaft sein, damit man noch von WG sprechen kann?
  • Können in einer Demenz-WG nur Menschen mit Demenz leben?
  • Wie unterscheiden sich ambulant betreute Wohngemeinschaften von Pflegeheimen?
  • Wie unterscheiden sich selbstorganisierte von trägergesteuerten Demenz-WGs?
  • Wie finanzieren sich Demenz-WGs?

Ambulant betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz sind ein dritter Weg zwischen Pflegeheimen und einer Pflege zuhause, die Angehörige überfordert.

Eckpunkte des Wohngemeinschaftskonzepts

Die Betroffenen leben als Mieterinnen und Mieter in einem geeigneten Haus oder einer Wohnung zusammen und werden dort von einem selbst gewählten ambulanten Pflege- und Betreuungsdienst mit den notwendigen Leistungen versorgt.

  • Die WG hat eine so überschaubare Größe, dass eine „Gemeinschaft“ entsteht; idealerweise wird die WG damit zu einem Ort großfamilienähnlicher Geborgenheit.
  • Zentrale Idee ist eine an der „Normalität“ orientierte Organisation des Tagesablaufs. Rüstige WG- Bewohner beteiligen sich an der Erledigung alltäglicher Aufgaben (wie z.B. Kochen). Die in vollstationären Einrichtungen übliche Trennung zwischen Hauswirtschaft und Pflege/Betreuung ist abgeschafft (das hat auch den Vorteil, dass alle Mitarbeiter sichtpar präsent, da sich relativ wenig “hinter der Bühne” abspielt). Auch die Therapie ist stärker in den Alltag integriert.
  • Das Pflegepersonal ist in der WG zu Gast (wie in der ambulanten Pflege) – nicht umgekehrt.
  • Auch die Wohnung und das Wohnumfeld sollen möglichst „normal“ sein. Die Küche ist in den Wohnraum integriert. Es gibt kein „Schwesternzimmer“.

Einen kleinen Einblick in den Alltag einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz geben folgende Filme die kostenlos auf YouTube zu sehen sind: Film 1, Film 2.

Wie groß darf eine Wohngemeinschaft sein, damit man noch von WG sprechen kann? 

Die Gruppengrößen der meisten ambulant betreuten Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz liegt zwischen 6 und 10 Personen, es gibt aber auch durchaus größere WGs.

Da ökonomische Gründe für eine möglichst große Gruppe sprechen, stellt sich die Frage, wie viele Personen maximal in einer WG leben sollten. Hierzu liegen zwar bislang keine belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse vor. Klar ist aber: Sowohl die Ziele „alltagsweltliche Normalität“ als auch „Geborgenheit“ lassen sich nur in einer überschaubaren Gruppe realisieren.

Das Hamburger Wohn- und Betreuungsqualitätsgesetz zieht die Grenze für eine selbstbestimmte WG bei zehn Personen. „Grund hierfür ist, dass mit zunehmender Größe einer Wohngemeinschaft die Möglichkeiten der oder des Einzelnen zur Einflussnahme auf die Alltags- und Betreuungsgestaltung und -qualität schwinden (…). Ferner soll die Wohngemeinschaft hinsichtlich Größe und Ausstattung den Charakter einer Wohnung behalten. Bei einer Gruppengröße von über zehn Personen ist diese Anforderung aufgrund des Raumbedarfes nicht mehr erfüllt. Schließlich steigen mit der Größe der Wohngemeinschaft auch die Brandschutzerfordernisse, so dass bei größeren Wohngemeinschaften eine Gleichstellung mit Wohneinrichtungen für erforderlich gehalten wird.“ (Begründung zu § 9 Absatz 2HmbWBG). Nordrhein-Westfalen zieht dagegen (mit ähnlichen Argumenten wie Hamburg) die Grenze bei 12 Personen (§ 26 Abs. 6 WTG).

Können in einer Demenz-WG nur Menschen mit Demenz leben? 

Nicht unbedingt. Allerdings ist das Zusammenleben mit schwerer an Demenz erkrankten Menschen für alte Menschen ohne kognitive Einschränkungen herausfordernd. In vielen Wohngemeinschaften wohnen daher ausschließlich Menschen mit Demenz zusammen.

Ein anderer Ansatz besteht darin, im Einzelfall genau zu prüfen wie ein Interessent an einem WG-Platz in die WG passt. Dabei wird nicht von Vorneherein ausgeschlossen, dass sich ein mental unbeeinträchtigter WG-Interessent in einer WG wohl fühlen könnte.

Wie unterscheiden sich ambulant betreute Wohngemeinschaften von Pflegeheimen?

Unterschiede beim Betreuungskonzept

  • Auch Pflegeheime wollen heutzutage Orte zum Wohnen sein. Die frühere Orientierung am Leitbild Krankenhaus (hygienisch, funktional) gilt als veraltet.

    Vielen Heimen ist diese Geschichte freilich noch heute deutlich anzumerken. Ihre „Wohnbereiche“ sind groß und ähneln den Stationen eines Krankenhauses, dementsprechend gibt es lange Flure. Ähnlich wie im Krankenhaus muss sich der Bewohner an diverse institutionelle Regeln anpassen.

  • Von derartigen Heimen heben sich Demenz-WGs mit ihrer ausgeprägten Bewohnerorientierung ohne Frage positiv ab. In Wohngemeinschaften kann der demenzkranke Mensch z.B. aufstehen und frühstücken, wann er will. Eine Wohnküche macht dies möglich.
  • Heim ist allerdings nicht gleich Heim. In modernen Pflegeheimen (also in sogenannten „Heimen der 4. Generation“) werden Demenzkranke in ähnlicher Weise versorgt wie in ambulant betreuten Wohngemeinschaften. Stationäre Wohngruppen sind zwar im Durchschnitt größer als Demenz-WGs. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Die kleinsten stationären Wohngruppen sind kleiner als die größten ambulant betreuten Wohngruppen.

Große Unterschiede hinsichtlich Organisation und Finanzierung

  • Organisation: Bei stationärer Versorgung werden alle Leistungen vom Heimträger erbracht: Pflege & Betreuung, Unterkunft & Hauswirtschaft. In einer ambulanten Wohngemeinschaft darf der Pflegeanbieter hingegen nicht zugleich Vermieter des zur Verfügung gestellten Wohnraums sein. Andernfalls unterliegt die WG definitiv den heimgesetzlichen Vorschriften.
  • Finanzierung: Wohngemeinschaften rechnen (überwiegend) ambulante Leistungen ab, während stationäre Hausgemeinschaften auf der Basis von Tagessätzen abrechnen.

Wie unterscheiden sich selbstorganisierte von trägergesteuerten Demenz-WGs?

Die meisten Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz werden letztlich durch professionelle Träger organisiert. Vereinzelt gibt es aber auch Wohngemeinschaften, die von Angehörigen und gesetzlichen Betreuern selbst organisiert werden.

  • In einer selbstorganisierten Demenz-WG bestimmen die gesetzlichen Betreuer und Angehörige der Demenzkranken den grundsätzlichen Kurs der WG. Um strukturell unabhängig zu sein vom Vermieter und vom Pflegedienst schließen sich die „Angehörigen“ in irgendeiner Form formal zusammen (mit Satzung etc.). Und natürlich finden regelmäßige Besprechungen statt.
  • Wird eine Demenz-WG trägergesteuert betrieben, müssen Angehörige oder gesetzliche Betreuer nicht mehr Verantwortung tragen, als wenn der Demenzkranke in einem vollstationären Pflegeheim leben würde. Die Organisation der WG liegt in der Hand eines „Betreibers“. Dieser kümmert sich um alles. Engagement von Angehörigen wird natürlich gerne gesehen, ist aber nicht notwendig.

    Als „Betreiber“ einer WG ist derjenige Akteur anzusehen, der maßgeblich über die Existenz der WG bestimmt. Manchmal ist das der Vermieter des Wohnraums (z.B. eine Wohnungsbaugesellschaft). Im Regelfall wird eine Demenz-WG allerdings von der Pflegeeinrichtung organisiert, die in der WG die bewohnerbezogenen Dienstleistungen erbringt.

Selbstorganisierte Demenz-WGs sind von heimrechtlichen Vorschriften weitgehend befreit. Der Schutz von Heimbewohnern ist Ländersache. Die jeweiligen Bewohnerschutzgesetze unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Es ist aber bundesweit Konsens, dass die für Heime üblichen Vorgaben zur Personalbesetzung und zur Raumausstattung (z.B. Fäkalienspüle) nicht eins zu eins für selbstorganisierte Wohngemeinschafen gelten. Auch andere staatliche Vorschriften werden lockerer gehandhabt – zum Beispiel die Brandschutzbestimmungen.

Trägergesteuerte Wohngemeinschaften wurden in der Vergangenheit ebenfalls nicht streng an den Vorschriften für Pflegeheime gemessen. Inzwischen schauen viele Heimaufsichtsbehörden aber auch bei ihnen genauer hin. In den neuen Bewohnerschutzgesetzen vieler Bundesländer zeichnet sich eine klare Tendenz ab: Von heimrechtlichen Vorschriften befreit werden nur noch solche Wohngemeinschaften, in denen Angehörige und gesetzlichen Betreuer gemeinschaftliche Qualitätskontrolle ausüben. Meinungsbildend hat hier der Verein Freunde alter Menschen e.V. gewirkt. Maßgeblich war dieser Verein auch an der Erstellung einer Checkliste beteiligt, mit der die Qualität von Wohngemeinschaften eingeschätzt werden kann. Hier finden Sie eine Begründung der Qualitätskriterien. Lesenswert sind auch die Qualitätsempfehlungen und Planungshilfen für ambulant betreute Wohn-Pflege-Gemeinschaften der Kordinationsstelle KIWA in Schleswig-Holstein.

Kosten

Dass jeder Mieter für die Mietkosten aufkommen muss, ist selbstverständlich. Die Sachkosten für die Hauswirtschaft müssen natürlich auch aus einer gemeinsamen Haushaltskasse getragen  werden (üblicherweise als Pauschale).

Die Pflege in einer Demenz-WG ist in aller Regel etwas teurer als in einem Pflegeheim. Das liegt vor allem daran, dass vergleichsweise mehr Personal beschäftigt wird als dort. (Das ist ja aber auch gerade ein wesentlicher Vorteil der WGs.)

Finanzierung der Pflege & Betreuung/Hauswirtschaft

In Berlin gibt es einen extra Abrechungsposten für Leistungen der Pflegeversicherung in Wohngemeinschaften. In allen anderen Bundesländern ist es komplizierter. Üblichweise wird  zwischen einer Grundpauschale für die Betreuung einerseits und den individuellen Pflegekosten andererseits unterschieden:

A. Betreuungspauschale

Die Kosten für die Grundbetreuung inkl. Nachtdienst/Nachtbereitschaft werden pauschal auf alle WG-Bewohner umgelegt. Einen Teil dieser Kosten übernimmt die Pflegeversicherung. Eingesetzt werden können folgende Mittel der Pflegeversicherung:

  • 214,- € Wohngruppenzuschlag (§ 38a)
  • 125,- € Entlastungsbetrag (§ 45b)
  • bis zu 40% der Pflegesachleistung (§ 36), also abgestuft nach Pflegegrad (PG) max.

    PG 2

    PG 3

    PG 4

    PG 5

    275,60

    519,20

    644,80

    798,-

Rechnet man diese Töpfe zusammen, ergeben sich je nach Pflegegrad folgende maximalen Deckungsbeträge für die Betreuungspauschale:

PG 2

PG 3

PG 4

PG 5

614,60

858,20

983,80

1.137,-

 

B. Individuelle Pflegeleistungen

Für die individuell benötigten Pflegeleistungen (Hilfe bei der Körperpflege, Unterstützung bei der Nahrungaufnahme etc) können die (verbleibenden) Pflegesachleistungen nach § 36 eingesetzt werden. Geht man davon aus, dass 40% der Pflegesachleistung in die Betreuungspauschale fließen, stehen für die Bezahlung der individuellen ambulanten Pflege noch folgende Mittel zur Verfügung:

PG 2 PG 3 PG 4 PG 5
413,40 778,80 967,20 1.197,-

 

Dazu können noch die Mittel für die sog. Verhinderungspflege gemäß § 39 SGB XI in Höhe von max. 2.418 € pro Jahr eingesetzt werden

Jeder  Bewohner kann durch einen ambulanten Pflegedienst natürlich auch die ihm zustehenden Krankenversicherungsleistungen beziehen.